|
Textauszug aus "Nachtisch vor dem Winterschlaf"
Es war ein naßkalter Tag gewesen, an dem ich schlecht gelaunt am späten
Nachmittag nach Hause kam. Ich haderte mit mir und der Welt. Seit drei
Wochen arbeitete ich im Literaturcafe und kam jedes mal gestreßt nach
Hause.
Zwei Vormittage und drei Nachmittage hatte ich Dienst, dazu kamen die Abendveranstaltungen, die auch meine Anwesenheit erforderten. Der erste richtige Job in einem Leben mit Sozialversicherung, geregeltem Urlaub und allem, was zu einem vernünftigen Leben gehört. Eine Schwierigkeit hatte ich immer noch. Ich hatte noch immer keine Berufsbezeichnung, die ich in Formblättern angeben konnte. Was machte ich eigentlich? War ich eine bessere Kellnerin? Eine Kulturmanagerin? Eine Briefkastentante, die sich die Nöte der Cafebesucher geduldig anhörte, oder war ich nur der Ausputzer für die hauptamtlichen Mitarbeiter im Kulturamt? Wie auch immer, während andere wußten, was sie waren: Lehrer, Kfz-Mechaniker oder Friseuse, grübelte ich immer noch, wenn ich auf irgendeinem Wisch meinen Beruf angeben sollte. Widerstrebend hatte ich mich für "Hausfrau" als Lösung entschieden. Nur bei einem Weiterbildungsseminar über die Bedeutung Schleiermachers im Diskurs einer globalen Verständigung, schrieb ich "Philosophin" in die entscheidene Sparte, dass mir ein anerkennendes Blinzeln meines Nachbarn, einem Archivleiter einer Lutherstätte irgendwo im Osten, eingetragen hatte,- oder war es eine Variante des klassischen "Lutherrocks" - mit fettigen Haaren, die er durch einen Seitenscheitel bändigte. Den Rest der Tagung war ich auf der Flucht vor ihm, zumal er sich als militanter Verfechter der Theorie von "Luthers 100 (statt 95) Thesen" outete. Seitdem schrieb ich wieder brav "Hausfrau", wenn jemand wissen wollte, womit ich mir die Zeit vertrieb. Seit meiner regulären Berufstätigkeit jedoch verbot sich mir dieser Begriff selbstredend. Also schrieb ich seit neuesten: Literaturgastronomin. Bisher kamen noch keine Nachfragen. | Leseprobe
![]() Agnes
AngeboteDoering rund um das erzählte Leben |